Strüssjer, Orden, Kamelle – närrische Fakten

Die Narrenrufe „Alaaf!“ und „Helau!“ sind bekannt wie ein bunter Jeck. Doch schon bei der Frage, welcher Ausruf zu welcher Stadt gehört, werden viele Menschen plötzlich ganz kleinlaut. Dabei ist es relativ einfach – in Köln ruft man „Alaaf!“, in der Karnevalshochburg Mainz heißt es hingegen „Helau!“. Auch in Düsseldorf schreien Narren aus vollen Kehlen „Helau!“. Nicht nur wegen der Rivalität zwischen Köln und Düsseldorf sollten Sie beim Kölner Straßenkarneval deshalb auf fröhliche „Helau!“-Rufe verzichten. Mit einem „Helaaf!“ kommen Sie aber wenigstens noch im lippischen Diestelbruch durch.

In anderen Landesteilen gibt es eine Unmenge weiterer Narrenrufe. Viele norddeutsche Regionen zollen dem Karneval mit einem zünftigen „Ahoi!“ Tribut – dieser Schlachtruf hat sich interessanterweise auch im österreichischen Graz durchgesetzt. Andere Landesteile zelebrieren die fünfte Jahreszeit mit einem „Kowelenz Olau!“ (Koblenz), „Wau Wau!“ (Nettersheim) oder „Alleh hopp!“ (Saarbrücken).

Karnevalsprinz zu sein ist „Ehrensache“

Für einen waschechten Narren ist es buchstäblich die Krönung: Wer träumt nicht davon, einmal im Leben Karnevalsprinz zu sein? Das Leben als närrische Majestät hat allerdings seine Tücken: Narrenprimus zu sein ist ein anstrengender Vollzeitjob – und teuer noch dazu! Als Karnevalsprinz in Köln zu regieren, kostet durchschnittlich 60.000 Euro pro Session. Allein der prächtige Wagen für den Rosenmontagsumzug kann schnell so viel Geld kosten wie ein Sportwagen. Für „Kamelle“ und „Strüssjer“ werden noch einmal gut 7.500 Euro fällig. Ganz nebenbei verteilt eine karnevalistische Majestät während ihrer Regentschaft rund 2.000 Orden à 15 Euro – macht summa summarum noch einmal 30.000 Euro. Trotzdem ist der Posten des Karnevalsprinzen heiß begehrt. Jedes Jahr buhlen unzählige Bewerber um diesen Titel.

Der Karnevalsbrauch wurde im Mittelalter erfunden

Um den Winter auszutreiben und die bösen Geister zu verjagen, feierten schon im Altertum viele Kulturen karnevalsähnliche Feste. Vorläufer gab es u. a. im alten Ägypten, in Griechenland und in Mesopotamien. Auch die Römer zelebrierten zu Ehren ihres Gottes Saturnus feuchtfröhliche Gelage, bei denen Knechte und Herren ihre Rollen tauschten und farbenprächtig geschmückte Wagen durch die Straßen gezogen wurden. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Im Mittelalter wurden diese Bräuche dann weiter kultiviert. Auch Kleriker nahmen die Riten auf und lasen sogenannte Eselsmessen – humoristische Vorboten der heutigen Büttenrede. Die allererste literarische Erwähnung der Fastnacht findet sich übrigens im mittelalterlichen Artusroman „Parzival“ des deutschsprachigen Dichters Wolfram von Eschenbach.

Schlips und Schere – Karnevalsbräuche der Neuzeit

Während das Karnevalsfest seinen Ursprung in jahrhundertealten Riten hat, entwickelten sich einige bekannte Traditionen erst in der Neuzeit. Das gilt auch für das Krawatte abschneiden. Überlieferungen zufolge stammt dieser Brauch aus dem Jahr 1824 – einer Zeit, als Frauen noch sehr von der Männerwelt dominiert wurden. Waschfrauen aus Bonn lehnten sich damals gegen das Patriarchat auf, stürmten das dortige Rathaus und holten sich als Trophäen die Statussymbole männlicher Macht: die Krawatten der Staatsdiener!

Seit dieser Zeit gehört der Donnerstag vor dem Karnevalswochenende traditionell den Damen – die Weiberfastnacht oder Wieverfastelovend (Kölsch) war geboren. Der Brauch der Wäscherinnen entwickelte im Laufe der Jahre immer mehr Eigendynamik. Seit 1958 werden die Weiber beim Sturm auf die Rathäuser im Rheinland sogar von eigens gekürten Wäscheprinzessinnen unterstützt. Zusammen nehmen sie die Männer in den Amtsstuben sprichwörtlich „in die Mangel“.

Am „schmotzigen Donnerstag“ – wie Altweiber auch genannt wird – gab es bis in die Neuzeit übrigens noch einen weiteren Brauch. An diesem Tag wurde das Fett („Schmotz“) verbraucht, das in der Fastenzeit nicht gegessen werden durfte. Am letzten Schlachttag duftete es daher aus allen Öfen herrlich nach Fettgebackenem. So entstanden u.a. die berühmten Fastnachtskrapfen, die auch als Mutzen, Berliner oder Nonnenfürzle bekannt sind.

Fasching, Karneval, Fastnacht – woher kommen diese Wörter?

Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte das karnevalistische Treiben ein paar regionale Unterschiede. Während in einigen Teilen Bayerns und in Österreich „Fasching“ gefeiert wird, heißt das närrische Treiben im Rheinland seit jeher „Karneval“. Die Worte „Fastnacht“ und „Fasching“ haben übrigens eine religiöse Bedeutung. „Vaschang“ wurde früher der letzte alkoholische Ausschank vor der Fastenzeit genannt. Auch das Wort „Karneval“ scheint auf die Askese der Fastenzeit hinzudeuten. Historiker sehen eine Verwandtschaft zum lateinischen „carne levare“, was soviel bedeutet wie „Fleisch wegnehmen“. 

Die Sache mit der „Kamelle“ an Karneval

Ein Rosenmontagsumzug wäre ohne „Kamelle“ kaum denkbar. Diese Sitte hat eine lange Tradition, schließlich reichten Karnevalsprinzen schon früh kleinere Geschenke in die Menge. Diese wurden vor einigen Jahren aber noch nicht geworfen, sondern höflich übergeben – es gab Blumensträuße, Schaumweine und Süßigkeiten. Wann genau aus diesem Brauch das „Kamelle“-Werfen entstand, ist nicht genau überliefert.

Heute wechseln alleine bei den großen Rosenmontagsumzügen in Köln und Düsseldorf 450 Tonnen Süßigkeiten ihren Besitzer. Um Verletzungen zu vermeiden, ist die Auswahl des Wurfmaterials aber streng reglementiert. Zumeist greifen die Narren auf weiches Naschwerk wie Popcorn, Weingummi oder Kekse zurück. Die klassischen „Kamelle“ – also klebrig-leckere Karamellbonbons – wurden aber bis dato noch nicht vollständig verdrängt.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei

Am Aschermittwoch endet die große Karnevalssause und leitet die 40-tägige Fastenzeit ein. Seinen Namen hat der „Tag der Asche“ übrigens von dem Brauch, gläubige Christen mit einem Aschekreuz auf der Stirn zu segnen. Kalendarisch ist der Aschermittwoch genauestens festgelegt – es ist der 46. Tag vor dem Ostersonntag. Auch viele heidnische Bräuche werden am Aschermittwoch noch heute zelebriert. So wird in Düsseldorf an diesem Tag eine Puppe des Erzschelms Hoppeditz eingeäschert und begraben. Das Kölner Pendant ist die Nubbelverbrennung, bei der eine mannsgroße Strohpuppe dem Feuer geopfert wird. Im Bonner Raum muss hingegen der Karnevalsprinz selbst Federn lassen. Ihm wird die Zier von der Kappe geschnitten, um zu zeigen, dass Karneval dann endgültig vorbei ist. Bis zum 11.11. des Jahres!