Research Kolumne

Aktuelle Marktberichte, Kommentare und Einschätzungen von Chefinvestmentstratege Dr. Marco Bargel

Globaler Konjunkturoptimismus treibt die Aktienkurse

Dr. Marco Bargel, Chefinvestmentstratege der Postbank, Bonn, 06. Dezember 2019

Kein Grund zur Euphorie, aber eine positive Überraschung war es doch: Die deutsche Wirtschaft ist im 3. Quartal um 0,1% gewachsen – und damit der Rezession vorläufig entkommen. Die Anleger an den Börsen hat das allerdings weitgehend kalt gelassen. Den deutschen Leitindex DAX bewegte die Nachricht kaum – womit sich der relativ geringe Zusammenhang zwischen Wirtschaftsentwicklung und Aktienmarkt in Deutschland erneut bestätigte. Tatsächlich spielt für die meisten DAX-Konzerne die Nachfrage aus dem Ausland eine bedeutend größere Rolle als die heimische Wirtschaftslage. Deutsche Unternehmen generieren nur 23% ihrer Umsätze im Inland. 25% entfallen auf die anderen Industrieländer Europas, 27% auf die Schwellenländer der Welt. Damit weist der DAX in Europa zusammen mit skandinavischen Aktien die höchste Abhängigkeit zum Welthandelswachstum auf.

Entsprechend haben in den vergangenen Monaten vor allem der zurückkehrende globale Konjunkturoptimismus und die hohe Gewichtung zyklischer Titel aus den Sektoren Chemie und Automobile den DAX in Richtung seines Allzeithochs angetrieben – letztere mussten im November aber wieder Rückschläge verkraften. Denn die US-Importzölle auf europäische Autos sind noch immer nicht vom Tisch.
Gut möglich, dass eine globale Konjunkturerholung auch in den kommenden Monaten die Aktienkurse im DAX stützt. Gemessen an den Kennzahlen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), Preis-Buchwert-Verhältnis (PBV) und Dividendenrendite werden Deutschlands Blue Chips derzeit nahezu auf dem gleichen Niveau wie der europäische Gesamtmarkt gehandelt. Damit ist der Index zwar nicht mehr so günstig wie noch zu Beginn des Jahres – aber auch nicht übertrieben teuer.

Anlass zur Hoffnung gibt auch die Berichtssaison zum 3. Quartal 2019. Die Unternehmen konnten größtenteils die Gewinnerwartungen der Analystengemeinde übertreffen. Dem waren aber im Vorfeld der Veröffentlichungen kräftige negative Gewinnrevisionen vorausgegangen. Entsprechend niedrig waren die Hürden, über die die Unternehmen springen mussten. Doch inzwischen steigt die Hoffnung der Anleger auf eine Bodenbildung bei den Gewinnen. Im Oktober beließen die Analysten ihre Gewinnerwartungen für 2019 unverändert und senkten ihre Prognosen für 2020 nur noch geringfügig. Für die nächsten 12 Monate erwarten sie beim DAX aktuell ein aggregiertes Gewinnwachstum von mehr als 12%. Die Postbank erwartet hingegen für 2020 ein moderates Plus im mittleren einstelligen Prozentbereich. Die Zurückhaltung rührt daher, dass die Gewinne der Konzerne seit dem Allzeithoch des DAX im Januar 2018 um gut 5% gefallen sind. Vor dem Hintergrund einer sich abzeichnenden globalen Konjunkturstabilisierung dürften zyklische Aktien in den kommenden Monaten besser performen als defensive Werte. Die Rotation von Growth zu Value und von defensiv zu zyklisch könnte den DAX in den kommenden Monaten antreiben.

Größte Unsicherheitsfaktoren bleiben die „alten Bekannten“ Handelsstreit und Brexit. Auch die bevorstehende US-Präsidentschaftswahl kann für Unruhe an den Märkten sorgen. So zuversichtlich die Anleger in Hinblick auf eine Lösung des Handelsstreits auch sind: Noch ist nichts in trockenen Tüchern. Eine erneute Eskalation wird US-Präsident Donald Trump nach Ansicht vieler Experten im Wahljahr 2020 scheuen – sicher ist das aber keinesfalls. Eine noch immer mögliche Rezession in Deutschland würde dem DAX weniger schaden als anderen deutschen Aktien. Eine enttäuschende Gewinnentwicklung könnte hingegen zu empfindlichen Kurskorrekturen führen. Zu den weiteren Negativszenarien, die Anleger im Blick haben sollten, gehören eine unverhoffte USD-Stärke oder ein Inflationsschock, der die führenden Notenbanken zu einer strafferen Geldpolitik zwingen könnte. Auch ein mageres Wirtschaftswachstum in China birgt das Risiko für Enttäuschungen an den Aktienmärkten. Anleger sollten ihr Portfoliorisiko auch 2020 aktiv steuern und ihre Kapitalanlagen breit über Regionen und Branchen streuen.


Dr. Marco Bargel ist seit 2004 Chefinvestmentstratege der Postbank. Nach Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion an der Universität Freiburg war er zunächst bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau tätig. Danach folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Chefvolkswirt bei der DePfa Deutsche Pfandbriefbank. Analysen und Prognosen zu Konjunktur, Geldpolitik und Kapitalmärkten bilden ebenso einen Schwerpunkt seiner Arbeit, wie Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

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