Postbank Wertpapiere

Research Kolumne

Aktuelle Marktberichte, Kommentare und Einschätzungen von Chefvolkswirt Dr. Marco Bargel

Dr. Marco Bargel, Chefinvestmentstratege der Postbank, Bonn, 01. April 2019

Brexit-Drama geht in die Verlängerung

Seit dem Referendum im Juni 2016 hat sich die britische Politik mit (fast) nichts anderem als dem Brexit beschäftigt. Trotzdem ist immer noch unklar, wann und unter welchen Bedingungen Großbritannien die Gemeinschaft verlassen wird. Nachdem der mit der EU ausgehandelte Austrittsvertrag im heimischen Parlament mehrfach abgelehnt wurde, blieb Premierministerin May zuletzt nichts anderes übrig, als eine Verschiebung des Austrittstermins zu beantragen, um einen harten Brexit am 29. März zu vermeiden. Damit die alles überstrahlende Brexit-Frage die Wahlen zum EU-Parlament Ende Mai nicht „vergiftet“, haben die übrigen EU-Mitglieder den Briten hierfür enge Grenzen gesetzt. Nur im Falle einer Teilnahme Großbritanniens an den EU-Wahlen, was unter politischen Gesichtspunkten allerdings kaum zu vermitteln wäre, ist ein Austritt nach dem 22. Mai möglich. Allerdings droht bereits zum 12. April der EU-Austritt, wenn das britische Parlament den ausgehandelten Austrittsvertrag nicht doch noch billigt oder der EU eine glaubwürdige  Alternative darlegt. Bisher hat in Großbritannien allerdings auch keine andere Option eine Mehrheit gefunden. In einem wahren Abstimmungsmarathon hat das britische Unterhaus insgesamt acht Alternativen zu May’s Austrittsvertrag abgelehnt, von der Absage des EU-Austritts, über die Bildung einer Zollunion mit der EU oder den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum bis zu einem harten Brexit.

Obwohl das britische Parlament einen harten Brexit mit deutlicher Mehrheit abgelehnt hat, besteht wegen der verfahrenen politischen Situation in Großbritannien und der schwierigen Grenzfrage in Irland/Nordirland weiterhin ein erhebliches Risiko, dass Großbritannien die EU ohne Austrittsabkommen verlässt.  Privathaushalten und Unternehmen bleibt nichts anderes übrig, als sich weiterhin auf den schlimmsten Fall, den eines harten Brexits, einzustellen. Aber auch dann stünde die Tür für Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien immer noch offen. Die negativen wirtschaftlichen Effekte eines harten Brexits dürften auf beiden Seiten schnell den politischen Druck erhöhen, sich zumindest auf ein Freihandelsabkommen zu einigen.

Der ökonomische Schaden, der bei einem Austritt ohne Abkommen unweigerlich entstehen würde, ist immens. Berechnungen zeigen, dass Großbritannien bei einem harten  Brexit sehr schnell in eine Rezession rutschen würde. Nach unserer Einschätzung könnte sich der Wachstumsverlust in den zwei darauffolgenden Jahren auf insgesamt 4 Prozentpunkte belaufen. Auch in der Rest-EU wären die Auswirkungen spürbar, würden mit einem Wachstumsverlust von 0,6 Prozentpunkten aber deutlich geringer ausfallen. Für Deutschland wäre ein Effekt in ähnlicher Größenordnung zu erwarten. Bei einem prognostizierten BIP-Wachstum von nur 0,5% in diesem Jahr, dürfte ein harter Brexit damit auch bei uns sehr schnell in eine Rezession münden. Mögliche positive Effekte für Deutschland, bspw. durch eine Verlagerung von Produktionsstätten, fallen kaum ins Gewicht und würden vor allem auf kurze Sicht einen Wachstumseinbruch nicht verhindern.

An den Finanzmärkten ist im Falle eines harten Brexits mit erheblichen Rückschlägen zu rechnen. Da sich das fundamentale Umfeld wegen der zu erwartenden Wachstumsverluste eintrübt, sinkt auch die angemessene Bewertung von Unternehmen an der Börse. Gleichwohl ist durch einen harten Brexit nicht mit einen langanhaltenden Baisse an den Aktienmärkten zu rechnen. Die Erfahrung zeigt, dass politische Schocks, wie z.B. ein harter Brexit, in der Regel nur zu einem temporären Kurseinbruch führen. Dafür spricht auch, dass die wirtschaftlichen Effekte eines harten Brexits für Deutschland und den gesamten Euroraum vor allem kurzfristig eintreten und auch nur wenige Quartale anhalten dürften. Im Gegensatz dazu ist aus Sicht Großbritanniens bei einem EU-Austritt ohne Vertrag mit langfristig negativen Folgen zu rechnen, so dass auch die Kursentwicklung am britischen Aktienmarkt längere Zeit gedämpft verlaufen könnte.          

Dr. Marco Bargel ist seit 2004 Chefvolkswirt der Postbank und leitet dort das Research. Nach Studium der Volkswirtschaftslehre und Promotion an der Universität Freiburg war er zunächst bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau tätig. Danach folgte eine mehrjährige Tätigkeit als Chefvolkswirt bei der DePfa Deutsche Pfandbriefbank. Analysen und Prognosen zu Konjunktur, Geldpolitik und Kapitalmärkten bilden ebenso einen Schwerpunkt seiner Arbeit, wie Stellungnahmen zu aktuellen wirtschaftspolitischen Themen.

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(Stand: 01.04.2019)

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