Research Kolumne

Aktuelle Marktberichte, Kommentare und Einschätzungen von Chefanlagestratege Dr. Ulrich Stephan

Wie tief kann der Dax noch fallen?

Dr. Ulrich Stephan, Chefanlagestratege für Privat- und Firmenkunden, 26. März 2020

Das Coronavirus hat die internationalen Aktienmärkte fest im Griff. Der Sell-off der vergangenen Wochen hat die Börsen ordentlich durchgeschüttelt. Niemand kann sagen, wie weit die Märkte und insbesondere der DAX noch fallen können.

Eine Orientierungshilfe kann etwa das Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) liefern. Dieses setzt die Marktkapitalisierung ins Verhältnis zum Buchwert eines Unternehmens, der den Wert aller Vermögensgegenstände – wie Maschinen, Immobilien oder Fahrzeuge – zum Bilanzstichtag abzüglich Schulden umfasst.

Im Handel unterschritt das KBV des DAX in der vergangenen Woche erstmals wieder das Niveau der Eurokrise 2011 und rutschte unter eins. In der Weltwirtschaftskrise 2009 fiel das KBV jedoch sogar auf 0,93. Beim aktuellen Buchwert entspräche dies einem DAX-Stand von rund 7.500 Punkten, d.h. der DAX könnte noch mal ordentlich nachgeben. Einen kleinen Lichtblick gibt es dabei: Historisch hat sich das DAX-KBV nie lange unter der Marke von 1,0 aufgehalten.

Unternehmensanalysten haben ihre Gewinnschätzungen für den DAX in den vergangenen Wochen zwar gesenkt, sie prognostizieren jedoch weiterhin für 2020 und 2021 Gewinnsteigerungen in Höhe von +12 bzw. +13,5 Prozent. Dies halte ich für deutlich zu optimistisch. Dass die Analysten ihre Prognosen verzögert anpassen, ist jedoch nicht ungewöhnlich. Angesichts zu erwartender, massiver Verwerfungen der globalen Wirtschaft, denke ich vielmehr, dass die Gewinne der DAX-Unternehmen im laufenden Jahr um bis zu 30 Prozent einbrechen könnten. Aufgrund der hohen Konjunkturabhängigkeit der deutschen Unternehmen dürften die Gewinneinbrüche hierzulande höher ausfallen als im Rest Europas. Mit einer schrittweisen Erholung der Konjunktur im zweiten Halbjahr und 2021, sollten sich die Gewinne jedoch wieder erholen. Der Markt dürfte dies bereits vorher einpreisen.

Mittelfristig sollten sich die Kurse also erholen können. Grund zum Optimismus geben auch die geplanten Maßnahmen der Regierungen und Notenbanken. Während die Regierungen weltweit Fiskalpakete schnüren, werden die Notenbanken in den kommenden Monaten ein enormes Volumen an Liquidität in den Markt pumpen. Dieses Umfeld eröffnet Chancen für risikobereite Anleger: Sie könnten die günstigeren Kurse und niedrigeren Bewertungsniveaus nutzen, um Positionen im Depot aufzubauen.

 

Dr. Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege

Dr. Ulrich Stephan ist Chef-Anlagestratege der Deutsche Bank für Privat- und Firmenkunden. In dieser Funktion verantwortet er seit 2010 die Marktanalyse und Anlagestrategie für Privatkunden. Dr. Stephan studierte Betriebs- und Volkswirtschaftslehre und beendete 1997 seine Promotion an der Universität zu Köln und am Massachusetts Institute of Technology.
Er war bei der Deutschen Bank zunächst als Chief Investment Officer für Anlagestrategien und Portfoliomanagement für Privatkunden verantwortlich. Später leitete er das Private Banking für Privat- und Geschäftskunden.

Durch die rechtliche Verschmelzung von Postbank und Deutscher Bank in 2019 hat er die Funktion des Chef Anlagestrategen auch für die Marke Postbank übernommen.