Sterben die Innenstädte durch Corona?

In der Hochzeit der Corona-Beschränkungen wirkten die Fußgängerzonen gespenstisch. Fast alle Läden hatten geschlossen. Mittlerweile bummeln zwar wieder mehr Menschen durch die Stadt, aber viele Geschäfte beklagen sich nach wie vor über eine geringe Kaufkraft. Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Entwicklung der Innenstädte aus? Werden diese Bereiche veröden? Sicherlich beschleunigen die aktuellen Herausforderungen den Wandel. Doch es bieten sich auch viele Zukunftschancen.

Innenstadtlagen seit Jahren unter Druck

Bereits seit langer Zeit stehen die Geschäftsleute in den Fußgängerzonen unter großem Druck. Die hohe Frequenz der Besucher macht die Lage für große Ketten attraktiv. Die Mieten steigen und kleine, inhabergeführte Unternehmen können nicht mithalten. Diese Verdrängungseffekte erleben die Verbraucher hautnah, denn mittlerweile sehen die meisten Fußgängerzonen nahezu identisch aus – überall finden sich die gleichen Ketten und die gleiche Warenauswahl.

Große Center auf der grünen Wiese

Weitere Belastungen entstehen durch den Mangel an Stellplätzen und die hohen Parkgebühren. Dazu fehlt meist ein günstiges und komfortables ÖPNV-Angebot. Daher verzichten viele Verbraucher auf den Stadtbummel und besuchen lieber die Einkaufszentren in den Rand- und Außenbereichen. Dort stehen ein identisches Warenangebot und viele kostenlose Parkplätze zur Verfügung.

Der Onlinehandel wächst

Mit jedem Jahr wachsen die Umsätze und die Marktanteile der Onlineshops. Der Preisvergleich an Computer oder Smartphone gelingt schnell und komfortabel, die Bestellung kommt in wenigen Tagen bequem nach Hause. Das setzt dem stationären Handel ebenfalls stark zu. Mittlerweile kämpfen bereits die Herzstücke der Innenstädte – die großen Warenhäuser – ums Überleben. Galeria Karstadt Kaufhof schließt 62 Filialen.

Die Corona-Pandemie wirkt als Brandbeschleuniger

Die wirtschaftliche Lage war für viele Unternehmer bereits vor den Geschäftsschließungen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens angespannt. Corona hat die Situation verschlimmert. Denn Innenstädte leben von der Mischung:

  • Hier trifft sich die gesamte Gesellschaft.
  • Mode und Gastronomie bilden das Rückgrat für viele andere Geschäfte vom Juwelier bis zum Schlüsseldienst.
  • Dazu kommen die vielen Büroangestellten, die in den Pausen und nach Feierabend das Stadtbild beleben und für Umsätze sorgen.

Die geschlossenen Geschäfte sind nur die Spitze des Eisbergs. Dahinter verbergen sich weitere Probleme:

  • Die fehlenden Käufer belasten die Gastronomiebetriebe, die versuchen, über Take-away-Angebote Umsätze zu generieren.
  • Das gilt auch für die fehlenden Büroangestellten, die im Homeoffice keine Gerichte für die Mittagspause ordern.
  • Von Mode über Geschirr bis Dekoration – die Frühjahrs- und Sommerkollektionen sind bereits bestellt und müssen abgenommen und bezahlt werden.

Corona ändert das Kaufverhalten

Während der Hochzeit der Corona-Pandemie haben im Handel besonders zwei Zweige profitiert: der Lebensmittel- und der Onlinehandel. Während sich im Bereich der Lebensmittel nach dem anfänglichen Hamstern die Lage normalisiert, hat das Wachstum des Onlinegeschäfts einen nachhaltigen Einfluss. Viele Verbraucher haben verstärkt in Onlineshops gekauft und schätzen nun den Komfort.

Unsicherheit und Komfortverlust

Zwar sind mittlerweile die Geschäfte wieder geöffnet und es ist eine gewisse Routine im Umgang mit der Situation eingetreten, aber die Kauflust ist gebremst. Das hat verschiedene Ursachen. Dazu gehören:

  • Während ein schneller Einkauf im Supermarkt mit Mund-Nasenschutz erträglich ist, macht ein ausgedehnter Einkaufsbummel damit wenig Freude.
  • Viele Verbraucher halten ihr Geld zusammen, die Sorge vor einem Verlust des Arbeitsplatzes ist groß.
  • Es fehlen Anlässe für einen Shopping-Bummel. Wer im Homeoffice sitzt oder nicht in den Urlaub fährt, benötigt weniger neue Mode.

Der Wandel der Innenstädte ist unaufhaltsam

Experten gehen davon aus, dass viele kleine Geschäfte im Verlauf des Jahres insolvent werden. Auch die großen Ketten werden sich, ähnlich Galeria Karstadt Kaufhof, aus den Innenstädten zurückziehen und mehr auf den Onlinehandel setzen. Dazu kommen freie Büroflächen, denn der Anteil der Mitarbeiter im Homeoffice wird steigen. Das heißt aber nicht, dass die Fußgängerzonen zwangsläufig verwaisen werden.

Die Veränderungen als Chance begreifen

Für die Besitzer von Gewerbeimmobilien ist der zu erwartende Rückzug bekannter Handelsketten und solventer Mieter von Büroflächen eine schlechte Nachricht. Sinkende Mieten sind die Folge. Doch genau hier liegt die Chance für die Zukunft. Wenn teure Räume im Erdgeschoss bezahlbar werden, können sich kleine, innovative Geschäfte ansiedeln. Deren Warenangebot finden Kunden nicht im Internet, das zieht die Verbraucher in die Stadt. Dazu finden Gastronomiebetriebe Raum, die hochwertige Speisen abseits des Angebots großer Ketten anbieten. Ein nicht unerheblicher Teil der Büroflächen kann zu attraktivem Wohnraum werden.

Wohnen, leben und arbeiten in einem Quartier

Viele Gemeinden treiben seit geraumer Zeit den Bau von Quartiersvierteln voran. Ein Quartier zeichnet sich dadurch aus, dass hier in einem begrenzten, meist fußläufig oder mit dem Fahrrad erreichbaren Umkreis alles in der Nähe ist. Die Bürger wohnen nicht nur hier, sie arbeiten und gestalten ihre Freizeit sowie ihr soziales Umfeld in ihrem Viertel. Dieses Konzept ist auch für Innenstädte interessant.

Tipp

Quartiersviertel bringen ein dörfliches Lebensgefühl in die Großstadt und stellen ein Gegenkonzept zum Umzug in den grünen Speckgürtel mit langen Pendelwegen dar.

Die Innenstadt in der alten Form stirbt schon lange

Das neue Coronavirus beschleunigt nur ein Geschehen, das schon lange im Gange ist. Unbestritten ist: Die Innenstädte werden sich verändern. Veröden werden diese Flächen aber nicht, wenn die Gemeinden geschickt gegensteuern. Angebote, die Handel, Freizeitspaß, Wellness und Gastronomie verbinden, und Wohnquartiere mit hoher Lebensqualität ersetzen die gleichförmigen Fußgängerzonen und halten das Leben in der Stadt. Wenn dann noch Universitäten nicht mehr auf einem Campus am Rande der Stadt und viele Schulen nicht mehr in den Außenbezirken angesiedelt werden, blicken die Innenstädte in eine neue Zukunft.