Start-ups 2019: Investoren-Jagd auf Einhörner

Sie denken bei dem Wort „Einhorn“ unwillkürlich an putzige Fabelwesen mit Regenbogenschweif und einem Horn auf der Stirn? Das ist zunächst korrekt – in der Finanzwelt jedoch steht der Begriff „Einhorn“ für ein Start-up mit einer überdurchschnittlichen Marktbewertung. Wir erklären Ihnen, warum es auch in Deutschland eine ganze Menge Einhörner gibt, und stellen Ihnen die wichtigsten Vertreter der Gattung vor.

Warum werden gut bewertete Start-ups Einhörner genannt?

Einhörner gehören zu den bekanntesten Fabelwesen der Welt. Erste Erwähnungen der mythischen Tiere gab es bereits in der Antike, im Mittelalter machten Hildegard von Bingen und Albertus Magnus die vermeintlich magischen Tiere populär. Auch in der Moderne haben Einhörner nichts von ihrer Faszination eingebüßt: Von „Harry Potter“ über „My little Pony“ bis zur „Unendlichen Geschichte“ ist das Einhorn in Literatur, TV und Kino allgegenwärtig. Und wer im Drogeriemarkt schon einmal die gesamte Einhorn-Produktpalette gesehen hat, der weiß, dass sich mit den friedlichen Fantasiepferdchen durchaus gutes Geld verdienen lässt.

In der Finanzwelt sind die Begriffe „Geld“ und „Einhorn“ ebenfalls untrennbar miteinander verbunden. Denn seit dem Jahr 2013 hat sich die Bezeichnung Einhorn (engl. Unicorn) für private Unternehmen etabliert, die vor einem Börsengang oder einem Rückzug des Kapitalgebers mit mindestens einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Geprägt wurde der Begriff von der US-amerikanischen Harvard-Absolventin und Investorin Aileen Lee. Indem sie extrem stark bewertete Start-ups als Einhörner deklarierte, wollte sie die Seltenheit solcher Unternehmen unterstreichen. Denn zu Beginn der 2010er waren Start-ups häufig in Nischen zu finden, der Aufstieg zum Megakonzern und damit einhergehender Erfolg wurden nur wenigen Firmen zuteil.

Die Zeiten haben sich jedoch geändert: Im Juni 2018 zählten Analysten von CB Insights weltweit ganze 249 Einhörner. In den letzten Jahren ist die Population der finanzstarken Fabeltiere also demnach sprunghaft angestiegen. Aus diesem Grund gibt es für Einhörner mittlerweile – je nach Investoren-Bewertung – unterschiedliche Definitionen: Ein Start-up mit einem Wert von über 10 Milliarden US-Dollar nennen Experten Decacorn bzw. Dedacorn (Zehnhorn), ein Hectacorn (Hunderthorn) wird von der Branche sogar mit 100 Milliarden US-Dollar bewertet. Diese Spezies ist aber auch heute noch äußerst selten: Zur 100-Milliarden-Dollar-Herde gehören neben Google, Microsoft, Facebook nur noch Oracle und Cisco. Da alle genannten Unternehmen aber mittlerweile börsennotiert sind, handelt es sich bei ihnen nach der klassischen Begriffsdefinition, die von einer Milliardenbewertung vor dem Börsengang ausgeht, streng genommen um Ex-Einhörner.

Die meisten Einhörner kommen aus den USA

Im Jahr 2019 gibt es Hunderte Unternehmen, die erfolgreich sind und bislang noch nicht oder erst kürzlich Richtung Börse galoppiert sind. 156 davon haben ihren Stall in den USA, 92 Einhörner gibt es derzeit in China. 16 Einhörner finden sich in Indien und 13 in Großbritannien, wie eine Statista-Erhebung belegt. Auch in Deutschland steht es nicht schlecht um die gehörnten Fabelwesen: Die aktuelle Einhorn-Population der Bundesrepublik zählt neun Exemplare. Zu den weltweit bekanntesten Start-ups gehören folgende Unternehmen:

  1. Uber (USA)
  2. Der Vermittler von Fahrdienstleistungen Uber mit Firmensitz in San Francisco machte im Jahr 2018 einen Umsatz von 11,3 Milliarden US-Dollar. Die Finanzwelt bewertete das Unternehmen im Januar 2019 mit gut 72 Milliarden US-Dollar. Mit diesen Zahlen gehört Uber zu den topbewerteten Einhörnern. Durch seinen Börsengang am 10. Mai 2019 gehört Uber per Definition allerdings nicht mehr zum „Unicorn-Club“. Nichtsdestotrotz ist das Start-up mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 80 Milliarden Dollar immer noch mehr wert als der weltgrößte Autobauer Volkswagen.

  3. Airbnb (USA)
  4. Airbnb wird als Community für die Vermittlung privater Unterkünfte gleichwohl gehasst und geliebt. Während sich Reisende an den günstigen und individuellen Übernachtungsmöglichkeiten erfreuen, sehen Kritiker in Airbnb einen Grund für zunehmende Wohnraumverknappung in Großstädten. Trotz aller Kritik bleibt Airbnb sehr erfolgreich: Über das Portal lassen sich Unterkünfte in weltweit 81.000 Städten buchen, im Jahr 2017 erzielten die Kalifornier einen Umsatz in Höhe von 2,6 Milliarden US-Dollar.

  5. Epic Games (USA)
  6. Die Softwareschmiede Epic Games aus South Carolina ist eigentlich eher ein Einhorn im Rentenalter: Das Unternehmen wurde im Jahr 1991 gegründet. Doch dank „Fortnite“ – einem angesagten Action- und Strategiespiel für Konsole und PC – erlebte Epic Games ab dem Jahr 2017 einen zweiten Frühling. Gutes Geld verdienen die „Fortnite“-Macher vor allem durch sogenannte In-Game-Käufe. User können in dem Spiel verschiedene Waffen, Ausrüstungen und Kleidungsstücke gegen echtes Geld erwerben. Allein im April 2018 generierte Epic Games einen Umsatz von 300 Millionen US-Dollar. Insgesamt soll das Spiel bereits drei Milliarden US-Dollar Gewinn eingefahren haben. Die Analysten bedanken sich und bewerten Epic Games derzeit mit gut 15 Milliarden US-Dollar.

Tipp

Wenn Einhörner an die Börse gehen, gleicht das oftmals einer Pokerpartie. Als privater Investor sollten Sie sich deshalb darüber im Klaren sein, dass die Anlage in börsennotierte Start-ups ein sehr großes Risiko birgt – sogar Totalverluste sind dabei nicht auszuschließen.

Einhörner aus Deutschland – diese Unternehmen sind mindestens eine Milliarde US-Dollar wert

Zugegeben: Im Gegensatz zum derzeit mächtigsten Unicorn weltweit – dem chinesischen IT-Unternehmen Beijing Bytedance Technology (kurz ByteDance) – sind Deutschlands Einhörner vergleichsweise klein. Trotzdem gibt es auch hierzulande Betriebe, die mit mehr als einer Milliarde US-Dollar bewertet werden. Interessanterweise sind die meisten deutschen Einhörner der breiten Öffentlichkeit relativ unbekannt. Wir stellen Ihnen einige der possierlichen „Tierchen“ vor:

  1. AUTO1 Group (Berlin)
  2. Die AUTO1 Group zählt zu den größten Gebrauchtwagenhändlern in Europa. Über Portale wie wirkaufendeinauto.de erwirtschaftete das Unternehmen im Jahr 2017 Umsätze in Höhe von 2,2 Milliarden Euro. Weitere Geschäftsfelder sind die B2B-Autobörse AUTO1.com und die Webseite AutoHero.com, auf der besonders hochwertige Gebrauchtfahrzeuge vermittelt werden.

  3. About You (Hamburg)
  4. Die About You GmbH ist ein Ableger der Otto Group und hat sich auf den Onlinehandel von Schuhen, Kleidung und Accessoires spezialisiert. Besonders beim Marketing für ihre Produkte – unter anderem die Eigenmarke Edited – gingen die Hamburger unkonventionelle Wege: Bei About You stehen mehr als einhundert Influencer unter Vertrag. Dass das Konzept aufgeht, beweisen aktuelle Zahlen: Mit einem Umsatz von 461 Millionen Euro im Geschäftsjahr 2018/2019 zählt About You zu den umsatzstärksten Modehändlern im deutschen E-Commerce.

  5. Celonis (München)
  6. Die Münchner IT-Spezialisten von Celonis verdienen ihr Geld mit einer Analysesoftware, die Schwachstellen in Unternehmensprozessen aufdeckt. Bekannte Investoren bewerten das international agierende Unternehmen mit einer Milliarde US-Dollar. Damit gehört Celonis seit kurzer Zeit ebenfalls zur illustren Runde der deutschen Einhörner.

Zu den bekanntesten Ex-Einhörnern aus Deutschland zählen der Kochbox-Anbieter HelloFresh, das soziale Netzwerk für Berufstätige XING und die Hotel-Metasuche Trivago. Alle diese Unternehmen sind mittlerweile börsennotiert und zählen somit nicht mehr explizit zum „Unicorn-Club“.

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