Finanz-Check: Festivals – was steckt hinter den teuren Tickets?

Hurricane, Rock am Ring, Wacken Open Air: Millionen Besucher tanzen auch in diesem Jahr wieder auf über 100 großen Festivals in Deutschland. Für die Tickets müssen Festivalgänger allerdings immer tiefer in die Tasche greifen. Doch woran liegt es? Scheffeln tatsächlich die Veranstalter mehrere Millionen Euro? Wer bekommt noch etwas ab vom großen Kuchen? Werfen Sie mit uns einen Blick auf die finanziellen Hintergründe des Festival-Booms.

Wie Spotify & Co. die Ticketpreise in die Höhe treiben

Wo einstmals analoge Schallplatten für knisternde Momente beim Musikhören sorgten, swypen wir heute mit dem Smartphone oder Tablet durch die Tracklist. Ja, die Zeit hat sich verändert. Dank Streaming-Diensten wie Spotify genießen Musikfans überall die Klänge ihrer Lieblingskünstler. Das hat für Musikliebhaber sicher praktische Vorteile – für die Künstler aber deutliche Nachteile. Seit dem Streaming-Hype gehen die Zahlen verkaufter Tonträger rapide bergab. Logisch: Ein Zuruf genügt, um den Wunschtitel auf das Smartphone zu laden. Mittlerweile sind die cleveren Handys regelrechte Alleskönner – sogar Smart Docs und Fitness-Coaches.
Selbst große Künstler können deswegen längst nicht mehr hauptsächlich vom Erlös ihrer Tonträger leben. Anders als früher sind Konzerte heutzutage die Haupteinnahmequelle. Genau diese Tatsache sehen Experten als einen der wesentlichen Faktoren für den Preisanstieg der Konzert- und Festivaleintrittskarten.

Festivals damals und heute – Ticketpreise im Vergleich

Wer einen Blick zurück in die Musiklandschaft vergangener Jahrzehnte wirft, wird schnell feststellen, dass die Eintrittspreise in die Höhe geschnellt sind. Jedes Jahr wird es etwas mehr. Hier ein paar Zahlen zum Vergleich:

  • Wacken Open Air: Wochenend-Ticketpreis 221 Euro (2019), 99 Euro (2007), 12 DM (1990)
  • Rock am Ring: günstigstes Ticket (ohne Parken und Campen) 189 Euro (2019), 125 Euro (2007)

Dabei führt das Parookaville Festival in Weeze mit 80.000 Bürgern – wie die Festivalgäste genannt werden – derzeit die Spitze der deutschen Festivalticketpreise an: Für drei Tage inklusive Camping müssen die Anhänger elektronischer Tanzmusik 295 Euro investieren, der Samstagsticketpreis liegt bei 109 Euro. Kein Wunder, dass Bochum Total als größtes Umsonst-und-draußen-Festival alle Besucherrekorde mit einer Million Feierwütigen schlägt.

Das größte Rockfestival der Welt ist das Wacken Open Air mit rund 75.000 Besuchern.

Live-Musik-Ticketing schlägt Automobilbranche

Doch wer verdient am meisten an den Einnahmen der Eintrittskarten? Einen regelrechten Boom hat in den letzten Jahren der Online-Ticketing-Dienstleister CTS EVENTIM erfahren. Der international führende Anbieter in den Bereichen Ticketing und Live-Entertainment führt Online-Portale wie eventim.de, oeticket.com, ticketcorner.ch, ticketone.it und entradas.com. CTS EVENTIM selbst macht keine Angaben, wie hoch die Provision der Ticketverkäufe ausfällt. Diese soll individuell verhandelbar sein.

Rock am Ring gehört zur EVENTIM-Gruppe. Allein damit generiert der Veranstalter eigenen Angaben zufolge etwa 18 bis 20 Millionen Euro Umsatz – von insgesamt 275 Millionen Euro Jahresumsatz im Jahr 2018. Dem Unternehmen blieb ein Gewinn in Höhe von 31,5 Millionen Euro unter dem Strich. Das sind 11,5 Prozent der Einnahmen. Zum Vergleich: Volkswagen erwirtschaftete weniger als 4 Prozent Marge.

Auch die Veranstalter des Wacken Open Air schreiben mehr als nur schwarze Zahlen. Und die führten jüngst zu einer neuen Unternehmensgründung: die WOA Festival GmbH, eine erstmalig für die Ausführung des Rock-Festivals initiierte Firma. Die ICS-Festival Service GmbH erzielte davor einen Jahresumsatz in Höhe von 28 Millionen Euro – allerdings zusätzlich mit Projekten wie etwa dem eigenen Platten-Label Wacken Records und einem Musikverlag.

Bei diesen schwindelerregenden Umsätzen kommt schnell die Frage auf, wohin die Einnahmen fließen. Sind es tatsächlich die Künstler, die immer höhere Gagen verlangen? Sicher ist: Ein Künstler, der berühmt genug ist, legt seine Gage selbst bzw. über sein Management fest und bestimmt damit den Ticketpreis maßgeblich mit. Von dem Budget, das Festivals zur Verfügung haben, soll im Schnitt die Hälfte an die Künstler gehen.

Haben nun also die Künstler Schuld am Ticketpreis-Wahnsinn?

Nicht wirklich. Denn nicht nur die Künstlergagen werden teurer, auch die Kosten für die Veranstaltung steigen. Zur Location-Miete kommen fixe Nebenkosten wie:

  • Mehrwertsteuer (7%)
  • GEMA-Gebühren (10%)
  • Vergnügungssteuer (je nach Ort bis zu 20%)

Bei einem großen Festival wie dem Parookaville mit 80.000 Besuchern arbeiten rund 4.000 Mitarbeiter an Planung und Durchführung des Events, beim Wacken Open Air sogar bis zu 10.000 Menschen. Jeder muss entlohnt werden. Insbesondere nach der Loveparade-Tragödie im Jahr 2010 mit 21 Toten wurden die Auflagen für ein Sicherheitskonzept streng verschärft. So sollen die Ausgaben für das Sicherheitspersonal in den vergangenen Jahren um mehr als 10 Prozent gestiegen sein.

Und nicht nur das: lauter, explosiver, spektakulärer

Wer heute ein Festival besucht, bekommt längst mehr geboten als beispielsweise beim Woodstock Festival 1969, bei dem 400.000 Hippies das Motto „Love, Peace & Harmony“ zelebrierten.

Prunkstück der Mainstage beim Parookaville war beispielsweise die über 200 Meter breite und damit größte Festival-Bühne Europas. Die Auftritte der DJ-Stars wurden von dort und von der zweitgrößten Bühne via Livestream übertragen. Licht, Laser, Sound, Pyro, Stagedesign: Für das Festivalerlebnis, das wir heute kennen, kommen viele Faktoren zusammen. Allein aufwendige Pyrotechnik verschlingt Tausende von Euros, bei einem Großevent kommen da schnell bis zu 300.000 Euro zusammen.

Wenn aus leeren Feldern eine Musik-Stadt entsteht …

Ein weiterer großer Kostenfaktor ist die Infrastruktur. Die Planung erfordert viel Zeit. Das Parookaville etwa beschäftigt ganzjährig 26 Mitarbeiter in Vollzeit. Bei den Festival-Ausgaben 2017 und 2018 wurden Aufträge in Höhe von sieben Millionen Euro an Unternehmen aus der Region vergeben.

Beim Wacken Open Air wird ein Gelände mit einer Größe von 240 Hektar festivaltauglich gemacht. Sanitäranlagen, Leitungen für Abwasser und Kanalisation, Licht- und Soundanlagen – alles wird auf- und wieder abgebaut. Auf dem Wacken-Gelände wurden über 49 Kilometer Bauzaun und 150 Essensstände aufgestellt. Im Jahr 2018 blieben knapp 600 Tonnen Müll übrig – und natürlich schlägt auch dessen Entsorgung finanziell zu Buche.

Ein Prost auf die Bier-Pipeline!

Als hätte man es nicht geahnt: Das beliebteste Getränk der deutschen Festivalbesucher ist Bier bzw. Biermischgetränke. Um den enormen Durst der Wacken-Gemeinde zu stillen, zeigten sich die WOA-Veranstalter besonders innovativ. Immerhin konsumieren die Headbanger fast eine halbe Million Liter Bier. Daher ist das Wacken-Infield inzwischen mit einer Bier-Pipeline ausgestattet.

Im Jahr 2011 lag der Bierkonsum beim WOA bei 5,1 Liter pro Kopf, die Fans vom Rock am Ring brachten es lediglich auf 3,1 Liter.

Der typische deutsche Festivalbesucher legt aber nicht nur Wert auf Bier beim Freiluft-Tänzchen. Nach einer Statista-Umfrage sind die Location und die Freunde bei der Wahl eines Festivals entscheidend. Die meisten Festivalbesucher sind deshalb in einer Gruppe von drei bis neun Personen unterwegs.

Tipp

Es kann sich lohnen, bis kurz vor Festivalbeginn mit dem Ticketkauf zu warten, um ein günstiges Ticket zu ergattern. Tendenziell sinken die Ticketpreise auf Online-Marktbörsen, je näher der Festivaltermin rückt.

Wenn das Festival ins Wasser fällt …

Beim Hurricane oder Southside Festival sind Unwetter fast schon Tradition. Southside und Rock am Ring mussten schon vorzeitig abgebrochen werden. Nun möchte man meinen, mit einer Versicherung könne sich der Veranstalter vor finanziellen Schäden durch höhere Gewalt schützen. Allerdings kosten derartige Policen locker eine sechsstellige Summe. Die meisten Veranstalter bilden daher Rücklagen.

Im Jahr 2016 sah sich der Veranstalter beim Abbruch vom Rock am Ring zunächst nicht in der Pflicht, den Ticketpreis zurückzuerstatten. Die Absage sei seitens des Ordnungsamts erfolgt, hieß es. Letztlich wurde den Festivalbesuchern aber ein Teil des Ticketpreises unter gewissen Voraussetzungen erstattet. Im Jahr 2000 entstand dem Veranstalter des Southside-Festivals durch den Abbruch ein Schaden in Höhe von 767.000 Euro.

Tipp

Wenn ein Festival abgebrochen oder verschoben wird, haben Sie grundsätzlich das Recht auf eine Teilerstattung. Laut Verbraucherzentrale steht diese jedem Festivalbesucher zu. Bei Absagen im Vorfeld ist es ratsam, sich an die Vorverkaufsstelle zu wenden. Bei einem Abbruch während des Festivals ist der Veranstalter der richtige Ansprechpartner.

Sponsoring für günstigere Tickets?

Sponsoring ist weiterhin eine sehr lukrative Einnahmequelle für Festivalmacher. Neben den Getränkeherstellern sind aktuell Discounter zunehmend aktiv. So gab es bei Rock am Ring und Rock im Park den „Rock Shop“ von LIDL. In diesem Jahr zeigten sich Kaufland auf dem Wacken und Aldi Süd auf dem Southside. Das Deichbrand Festival in der Nähe von Cuxhaven steht im Zeichen von Aldi Nord. Im Jahr 2018 verkaufte der Discounter dort nach eigenen Angaben 2.500 Warenpaletten an 16 Kassen. Man könnte vermuten, dass die Veranstalter durch Sponsoring ordentlich verdienen – tatsächlich sind die Einnahmen durch Ticketverkäufe entscheidend. Aber würde es die Sponsoren nicht geben, müsste jeder Festivalgänger sicher noch mehr für den Eintritt ins musikalische Wunderland investieren. Und dafür gibt es tatsächlich noch andere sinnvolle Investitionen.

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