IKEA: mit Mietmöbeln zum Marktführer?

Die Produkte heißen Kallax, Billy oder Pax – beim Einkauf vor Ort locken Bällebad und Köttbullar: Mit einem eher unkonventionellen Konzept hebt sich der schwedische Möbelgigant IKEA von seiner Konkurrenz ab. Dass das 1943 gegründete Unternehmen damit sehr erfolgreich ist, bleibt unbestritten: Laut Statista besitzen 72% der deutschen Verbraucher mindestens ein IKEA-Möbel. Immer wieder überrascht IKEA mit innovativen Ideen. Wir stellen Ihnen einige davon vor!

IKEA: mit Selbstbau-Möbeln zum Einrichtungsgiganten

Wenn es um zerlegte Möbelstücke für die Selbstmontage geht, gilt IKEA weltweit als die unangefochtene Nummer eins. Stand 2018 unterhält das Unternehmen 422 Möbelhäuser in 50 Ländern und macht einen Umsatz von 37,1 Milliarden Euro pro Jahr. Dafür hat das Unternehmen derzeit 208.000 Mitarbeiter angestellt. Auch in Deutschland sind IKEA-Produkte extrem beliebt: Im Geschäftsjahr 2018 erwirtschafteten die Schweden 5 Milliarden Euro in der Bundesrepublik, was immerhin knapp 13,5% des jährlichen Gesamtumsatzes ausmacht. Das berühmte Bücheregal-System Billy dürfte demnach in Millionen deutschen Haushalten zu finden sein, denn statistisch gesehen hat jeder vierte Bundesbürger sein Heim zur Hälfte mit IKEA-Möbeln eingerichtet. In 4% der deutschen Haushalte – also in 1,6 Millionen Wohnungen und Häusern – stehen sogar fast ausschließlich IKEA-Produkte.

Doch warum ist der Griff zum Inbusschlüssel eigentlich so beliebt? Zunächst dürfte der gigantische IKEA-Erfolg auf den günstigen Möbelpreisen basieren. Ein Beistelltisch für 5,99 Euro? Ein Kleiderschrank für 45 Euro? Ein Bettsofa für 99 Euro? All das bekommen Sie in der IKEA-Filiale!

Nicht zuletzt trägt das allgemeine Konzept solcher Filialen – die übrigens allesamt von Franchisenehmern geführt werden – zum IKEA-Anklang bei: Während die Kinder im Smaland toben, genießen deren Eltern einen entspannten Einkaufsbummel. Anschließend wird noch im hauseigenen Restaurant gespeist. Ein in die Filiale integrierter Schwedenshop hält nordeuropäische Leckereien für zu Hause bereit. Noch ein Hotdog, ein Softeis und eine 100er-Packung Teelichter: Fertig ist das Familienprogramm für den Samstagmorgen.

Möbel zum Mieten und andere neue IKEA-Ideen

Dass hinter dem familienfreundlichen Konzept natürlich eine Menge geschäftliches Kalkül steht, dürfte klar sein. Schließlich will IKEA möglichst viele seiner Produkte verkaufen, die – ganz nebenbei – zu großen Teilen in China gefertigt werden.

So ist es tatsächlich kein Gerücht, dass IKEA-Mitarbeiter undercover ausgewählte Kunden durch die Filiale verfolgen und deren Einkaufsverhalten beobachten. Der Gastronomiebetrieb ist unterdessen ein Mittel, um Kunden länger in den Geschäften zu halten und IKEA-Filialen auch zu den üblichen Essenszeiten zu füllen. An dem berühmten Ein-Euro-Hotdog verdient der Möbelkonzern vermutlich nicht sehr viel Geld – IKEA selbst macht über die Gewinne keine Angaben. Viel wichtiger ist hier der psychologische Effekt: Die günstigen Preise für Speisen übertragen Kunden intuitiv auf das Möbelsortiment. Ein weiterer Werbetrick ist es, fast ausschließlich zerlegte Möbel für den Do-it-yourself-Aufbau zu verkaufen. Die Einrichtungsgegenstände können so günstiger angeboten werden, sind transportabler und erfahren durch die Eigenarbeit des Käufers eine qualitative Aufwertung. In der Verhaltensökonomik wird die größere Wertschätzung für selbst zusammengebaute Waren deshalb sogar als IKEA-Effekt bezeichnet. Schraubst du noch oder wohnst du schon?

IKEA ist also äußerst einfallsreich, wenn es darum geht, Möbel, Lebensmittel und Deko an die Frau oder den Mann zu bringen. Doch das ist längst nicht alles: So setzt der Konzern auch nach dem Tod des Firmengründers Ingvar Kamprad im Januar 2018 stark auf Expansionskurs.

Die neueste Idee aus Schweden: Im Zuge einer besseren Kreislaufwirtschaft möchte IKEA bald Möbel zum Mieten ins Programm nehmen. Die Nordeuropäer verfolgen dafür den ehrgeizigen Plan, bis 2030 „ein gemäß den Prinzipien der Kreislaufwirtschaft agierendes, klimapositives Unternehmen zu werden.“ Dass bei IKEA dabei nicht nur der Umweltgedanke eine Rolle spielt, dürfte einleuchten. Vielmehr will der Konzern eine neue Zielgruppe ansprechen: junge Menschen bis 30 Jahre, denen Besitztum und Luxus nicht mehr so wichtig sind wie den vorherigen Generationen. Für Studenten, die das „Hotel Mama“ erstmalig verlassen, stellt Möbel-Leasing wahrscheinlich eine ebenso interessante Option dar wie für Menschen, die berufsbedingt nicht lange an einem Wohnort verweilen. IKEA ist mit dieser Idee allerdings nicht alleine: Der Versandhändler OTTO bietet unter ottonow.de bereits jetzt Mietmöbel an. Auch beim Möbel-Start-up Roomovo gibt es mietbare Einrichtungsgegenstände für das eigene Zuhause.

Ob das Möbelleasing eine Zukunft hat, wird sich ab 2020 zeigen. Dann möchte IKEA in 30 Ländern erste Testballons zu diesem Segment steigen lassen. Auf einem anderen Geschäftsfeld sind die Schweden hingegen schon einen Schritt weiter: Seit Ende 2018 bietet IKEA Solaranlagen an. Unter dem Namen Solstråle vertreibt der Konzern Fotovoltaik-Artikel, die eine Stromproduktion durch Sonnenkraft auf dem eigenen Hausdach ermöglichen. Dafür ging der Möbelriese eine kooperative Partnerschaft mit dem größten englischen Solarunternehmen Solarcentury ein.
Im Smart-Home-Sektor fasst IKEA ebenfalls Fuß: Unter der Bezeichnung Trådfri bietet der Möbelkonzern jetzt und in naher Zukunft App-gesteuerte Rolladentechnik, smarte Beleuchtungssysteme und Kommoden mit LED-Türen und Bluetooth-Lautsprechern an. In Zusammenarbeit mit dem US-Lautsprecherhersteller Sonos kommt zudem mit dem Produkt Symfonisk im August 2019 eine smarte Lampe mit integriertem Klanggeber in die IKEA-Regale.

IKEA wird mit seiner neuen Ausrichtung somit zunehmend jünger und moderner. Ob die Marketingstrategie des Unternehmens auch aufgeht, bleibt abzuwarten.

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