EU veröffentlicht Moralkodex für künstliche Intelligenz

„Erfolge bei der Entwicklung künstlicher Intelligenz“, sagte der Astrophysiker Stephen Hawking einmal, „könnten das größte Ereignis in der Geschichte unserer Zivilisation sein – oder das letzte.“ Tatsächlich sehen viele Menschen die enormen Fortschritte in der selbst denkenden Computertechnik mehr als skeptisch. Auch aus diesem Grund stellt die EU einen Moralkodex für KI-Systeme vor. Das Dokument enthält neue ethische Grundsätze zur Nutzung künstlicher Intelligenz und soll Europa zum geistigen Vorreiter auf diesem Gebiet machen.

Künstliche Intelligenz: EU-Kommission definiert neue Standards

Ob im selbst fahrenden Automobil, bei der medizinischen Diagnostik oder in digitalen Sprachassistenten wie Alexa und Siri – künstliche Intelligenz (KI) ist aus unserem Leben schon heute nicht mehr wegzudenken. Doch der massive technische Fortschritt hat für viele Verbraucher einen faden Beigeschmack: Neben den großen Sorgen zu Datensicherheit und Datenschutz gibt es die Angst, dass eines Tages die Maschine dem Menschen überlegen sein könnte. Düstere Szenarien aus Science-Fiction-Filmen wie „Terminator“, „Blade Runner“ oder „I, Robot“ befeuern diese Sorgen, denn von einigen Technologien aus diesen Filmen ist die Menschheit nicht mehr allzu weit entfernt.

In der Europäischen Union soll die Entwicklung künstlicher Intelligenz deshalb strengen moralischen Grundsätzen unterworfen werden. Dazu hat ein Ethikrat mit 52 Mitgliedern aus Wirtschaft und Wissenschaft monatelang Vorschläge erarbeitet, die seit dem 8. April 2019 auf der Website der EU-Kommission zum Download bereitstehen.

Das Papier definiert u. a. die wichtigsten Anforderungen an eine vertrauenswürdige künstliche Intelligenz. So dürfen KI-Systeme den Menschen nicht in seiner Autonomie einschränken und müssen die Wahrung der Grundrechte unterstützen. Zudem gibt es strenge Vorgaben zum Datenqualitätsmanagement und zur Privatsphäre: Bürgerinnen und Bürgern bleibt die volle Kontrolle über ihre eigenen Daten vorbehalten und KI-Systeme dürfen nicht dazu verwendet werden, Menschen zu schädigen oder zu diskriminieren. Schlussendlich wurden Aspekte zu Transparenz, Fairness und Barrierefreiheit definiert, die eine künstliche Intelligenz „made in Europe“ einhalten muss.

In den nächsten Monaten will die EU-Kommission nun herausfinden, ob die neuen ethischen Leitlinien für künstliche Intelligenz tatsächlich praxistauglich sind. Deshalb sollen Unternehmen, Forscher und Behörden ein umfangreiches Feedback zu dem Moralkodex geben. Anschließend ist geplant, die Grundsätze zur KI in den europäischen Gesetzen zu verankern und auch Partnerländer wie Kanada oder Japan von der Idee einer KI-Ethik zu überzeugen.

Mit diesem Maßnahmenpaket sowie Investitionen in Höhe von 20 Milliarden Euro will Europa eine Vorreiterrolle bei der sittlichen Nutzung von KI-Systemen einnehmen. Die Befürchtung, dass die Entwicklung künstlicher Intelligenz beispielsweise in den USA oder in China aus dem Ruder läuft, spielt dabei eine große Rolle. In China will die Regierung KI-Systeme beispielsweise dafür nutzen, um ein Social-Credit-System zu etablieren. Mit diesem werden Bürger gezielt überwacht und – ähnlich wie bei einer Rating-Agentur – in Kategorien eingestuft. Wer gesunde Lebensmittel shoppt, bekommt dann Vergünstigungen bei seiner Krankenkasse, Verstöße im Straßenverkehr führen möglicherweise zu höheren Kfz-Versicherungsbeiträgen. Auch Beiträge in sozialen Netzwerken werden gescannt, ebenso Reiseziele, Sozialverhalten und der jeweilige Freundeskreis. Das klingt tatsächlich nach der „totalen Kontrolle“, wie sie in Hollywood-Filmen schon oft skizziert wurde. In den USA – sowie in Russland und Südkorea – ist künstliche Intelligenz derweil längst Bestandteil autonomer Waffensysteme, die künftig ohne Zutun von Menschen Entscheidungen in militärischen Konflikten treffen könnten. Solche Entwicklungen soll es in Europa nicht geben.

5 Beispiele für künstliche Intelligenz

Dass künstliche Intelligenz keinesfalls nur zu Kriegszwecken und als Überwachungssystem eingesetzt werden kann, beweisen einige eindrucksvolle Beispiele. In fast allen Lebensbereichen bieten selbstständig agierende Computerprogramme und Roboter unglaubliche Möglichkeiten, um uns das Leben zu vereinfachen. Hier ein paar Beispiele:

  1. Coded Couture
    Sie möchten sich ganz individuell kleiden und dabei nicht nur den eigenen Modegeschmack, sondern auch Witterungsbedingungen und andere Faktoren einbeziehen? Dann sollten Sie sich über das Projekt „Coded Couture“ informieren. In Zusammenarbeit mit Google analysiert die H&M-Tochter Ivyrevel Ihren Kleidungsstil sowie Wetterdaten an Ihrem Wohnort und Ihr Bewegungsprofil, um anschließend Outfits zu entwerfen, die Ihnen wortwörtlich auf den Leib geschneidert sind.
  2. Josie Pepper
    Am Terminal 2 des Flughafens München ist Science-Fiction schon längst Realität. Hier informiert die 1,2 Meter große Roboterdame Josie Pepper Passagiere über Abflugdaten, Gates und andere relevante Themen. Hinter dem niedlichen humanoiden Roboter steckt die Watson-Technology, eine künstliche Intelligenz des IT-Unternehmens IBM. Der Clou dabei: Josie Pepper erkennt sogar menschliche Emotionen und kann deshalb ganz individuell auf Passagiere eingehen.
  3. AX Semantics
    Die Software von AX Semantics produziert gigantische Mengen suchmaschinenoptimierter Texte quasi auf Knopfdruck. Mit dem System, das auf KI-Komponenten basiert, können in Windeseile Produkte in Onlineshops betextet werden, ohne dass menschliche Autoren involviert wären. Um Schreibstil, Produkteigenschaften und Textlängen spezifisch anzupassen, muss die KI lediglich einem Training unterzogen werden. Auch qualitativ hochwertige Übersetzungen lassen sich so erstellen – derzeit in 110 Sprachen. Dienstleister im E-Commerce profitieren so von einer massiven Zeit- und Kostenersparnis.
  4. Process Robotics Automation
    Robotergesteuerte Prozessautomatisierung (RPA) wird bereits heute von ca. 67% aller deutschen Unternehmen eingesetzt. Hierbei geht es um automatisierte Prozesse, die per KI-Technologie abgewickelt werden. Mit RPA übernimmt „Kollege Computer“ einfache und immer wiederkehrende Büroaufgaben – vom Überprüfen von Zahlungseingängen bis zum Nachbestellen fehlender Ware oder der Kalkulation von Beiträgen, etwa für eine Kfz-Versicherung.
  5. Disguised face recognition
    Auch bei der Verbrechensbekämpfung spielt künstliche Intelligenz künftig eine Rolle. Forscher der Universität Cambridge arbeiten gerade an einer KI, die selbst vermummte und maskierte Personen identifizieren kann. Ein solches System würde deutlich größere Fahndungserfolge mit sich bringen – beispielsweise nach gewalttätigen Demos oder Raubüberfällen. Besonders spannend: Die Software funktioniert ohne angebundene Datenbank und kann Personen sogar erkennen, wenn sie das unbedeckte Gesicht eines vermeintlichen Straftäters zuvor noch nie gesehen hat.
    Beim letztgenannten Punkt liegen Wohl und Wehe der künstlichen Intelligenz allerdings wieder nahe beieinander. Um den Albtraum vom „gläsernen Bürger“ und zu großer Überwachung nicht wahr werden zu lassen, ist der EU-Moralkodex zur Nutzung künstlicher Intelligenz ein erster guter Ansatz.
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