Nationale Industriestrategie 2030: Fressen „nationale Champions“ den Mittelstand?

Mehr nationale Champions gleich mehr Größe gleich höhere internationale Bedeutung. Das ist das Kernkonzept der Nationalen Industriestrategie 2030 in der Nussschale. Doch mit dem Strategiepapier hat sich Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier nicht nur Freunde gemacht. Insbesondere der Mittelstand wirft ihm vor, dessen Interessen – und maßgebliche Bedeutung für die deutsche Wirtschaft – zu übergehen. Wir nehmen Inhalt sowie Vor- und Nachteile der Nationalen Industriestrategie 2030 in den Fokus.

Nationale Industriestrategie 2030: Das steckt dahinter

Der Gedanke, der Altmaiers Nationaler Industriestrategie 2030 zugrunde liegt, ist durchaus nachvollziehbar. Die Konkurrenz aus den USA und aus asiatischen Ländern, vor allem aus China, ist in den letzten Jahren merklich gewachsen – und wird das auch weiterhin. Mit entsprechenden Ressourcen ausgestattete Großkonzerne wie Siemens, ThyssenKrupp oder die deutschen Autobauer können sich gegenüber der ausländischen Konkurrenz wesentlich besser behaupten als kleinere Familienunternehmen. Letztere drohen unter dem internationalen Konkurrenzdruck zermahlen zu werden. Die Schlussfolgerung, die Altmaier in seinem Strategiepapier zieht: Die Herausbildung „nationaler“ und „europäischer Champions“ ist wünschenswert. Sie muss mit einer aktiven Industriepolitik und staatlichen Förderungen einhergehen. Für Altmaier ist das ein notwendiger Eingriff. Kritiker dagegen malen – sicherlich überspitzt – schon das Gespenst der Planwirtschaft an die Wand.

Viel Gegenwind für Altmaier

Seit dessen Veröffentlichung im Februar 2019 steht Altmaier mit seinem Strategiepapier erheblich in der Kritik. Vorwiegend der Mittelstand stößt sich verständlicherweise an der einseitigen Ausrichtung auf große Konzerne. Aus der Luft gegriffen ist die insbesondere vom Familienunternehmer-Verband geäußerte Kritik nicht. Eine neue Studie des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), die im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen durchgeführt worden ist, untermauert die Rolle des Mittelstands als Wirtschaftsmotor noch weiter. Folgende Zahlen und Fakten zum Mittelstand lassen sich festhalten:

  • Insgesamt werden mehr als 90% der deutschen Unternehmen von Familien geführt.
  • Sämtliche deutschen Familienunternehmen erwirtschaften in der Privatwirtschaft mehr als 50% des Umsatzes – und stellen über die Hälfte der Jobs.
  • Die 27 Dax-Unternehmen beschäftigen insgesamt deutlich weniger Menschen (1,55 Millionen) als die 500 größten Familienunternehmen (2,54 Millionen).
  • Bei den 500 größten Familienunternehmen ist 2016 eine Beschäftigungssteigerung von 27% gegenüber 2007 festzustellen. Bei den Dax-Unternehmen stieg die Zahl der Beschäftigten im gleichen Zeitraum nur um 4%.
  • Der Umsatz der Mittelständler stieg im Durchschnitt um 3,7% pro Jahr. Die betrachteten Dax-Unternehmen konnten lediglich eine jährliche Umsatzsteigerung von 3% verzeichnen.

Der deutsche Mittelstand, der seit jeher als besonders innovationsfreudig gilt, darf demnach mit Fug und Recht von sich behaupten, der Job- und Wirtschaftsmotor Deutschlands zu sein. Umso verständlicher ist vor diesem Hintergrund die Kritik an den Plänen von Herrn Altmaier.

Das Ausklammern des Mittelstands ist der falsche Weg

Wie also sollte die deutsche Industriestrategie ausgerichtet werden? Gilt es, nationale Champions zu stärken, um unter dem zunehmenden Gewicht der internationalen Konkurrenz nicht zermahlen zu werden? Oder brauchen vielmehr die innovationsfreudigen und dynamischen Mittelständler Anreize und eine Zukunftsperspektive? Die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Es wird noch viel diskutiert werden über die Nationale Industriestrategie 2030. Ganz ausklammern können wird Altmaier den Mittelstand dabei letztlich nicht. Dafür ist dieser für die deutsche Wirtschaft zu wichtig. Nicht nur historisch gesehen.

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