Pflegenotstand: Bringt die Pflegeoffensive den Durchbruch?

Die Pflegebranche steht derzeit vor weitreichenden Herausforderungen. Da sich lt. BARMER GEK Pflegereport 2014 die Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2040 auf 4,1 Millionen Menschen erhöhen wird, droht ein enormer Fachkräftemangel. Um den Pflegeberuf attraktiver zu gestalten, hat die Große Koalition nun eine Pflegeoffensive auf den Weg gebracht. Sie sieht u. a. bessere Gehälter für Pflegekräfte vor. Diese Maßnahme allein wird die Branche jedoch kaum entlasten.

Pflegenotstand: Herausforderungen seit den 60er-Jahren bekannt

Dass in Deutschland derzeit ein Pflegenotstand herrscht, ist keine neue Erkenntnis. Bereits in den 60er- und 70er-Jahren waren Pflegekräfte in Krankenhäusern und Altenheimen knapp – nicht zuletzt, weil der Beruf schon damals nicht adäquat entlohnt wurde. Statt bessere Arbeitsbedingungen zu schaffen, wurde der Pflegeengpass vor allem durch ausländische Arbeitskräfte aufgefangen.

Das ist heute nicht viel anders: Von den rund 1,6 Millionen Pflegekräften, die im Jahr 2018 in Deutschland angestellt waren, kamen 75.000 Angestellte aus dem Ausland. Und selbst das ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein: Wie der Deutsche Pflegerat vorrechnet, fehlen in der Bundesrepublik in den nächsten Jahren bis zu 300.000 Pflegekräfte. 200.000 Stellen davon müssten eigentlich in der Altenpflege etabliert werden, um die Herausforderungen der Zukunft zu bewerkstelligen.

Doch leider ist der Beruf des Alten- oder Krankenpflegers für viele Menschen unattraktiv oder schlichtweg mit einer zu starken physischen und psychischen Belastung verbunden. Tatsächlich ist das Gehalt eines Altenpflegers relativ überschaubar und liegt laut Entgelttabelle des Tarifvertrags für den Öffentlichen Dienst für einen Beschäftigten mit dreijähriger Ausbildung bei durchschnittlich 3.176 Euro. Private Träger zahlen nicht selten sogar deutlich weniger Lohn. Für sein Geld muss ein Angestellter allerdings jede Menge leisten: Pflegekräfte arbeiten meist in Schicht- und Nachtdiensten, haben einen verantwortungsvollen Job und leiden häufig unter der körperlichen und mentalen Belastung ihrer Tätigkeit. Eine RN4Cast(Registered Nurse Forecasting)-Studie zeigt auf, dass deswegen bei rund einem Drittel der Beschäftigten die Gefahr eines Burn-outs vorliegt. Zudem belegt eine Befragung der Fachhochschule Hannover, dass nur 35% der deutschen Pflegekräfte das Gefühl haben, ihre Arbeit würde ausreichend anerkannt.

 

Pflegeoffensive soll Probleme eindämmen

Um diese Herausforderungen in den Griff zu bekommen, arbeiten derzeit gleich drei Minister der schwarz-roten Regierung an einer sogenannten Pflegeoffensive. Neben Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sind Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) und Familienministerin Franziska Giffey (SPD) an dem Projekt beteiligt. Um den Pflegeberuf grundsätzlich attraktiver zu gestalten, möchte das Trio u. a. die Gehälter in der Pflegebranche erhöhen. Am Ende soll ein flächendeckender Tarifvertrag stehen, der auch für private Dienste seine Gültigkeit hat. Wenn alle Stricke reißen, soll eine Kommission Mindestlöhne für Pfleger erarbeiten, die ebenfalls für Pflegehilfskräfte gelten sollen. So wird, so der Plan, die finanzielle Lücke zwischen den Gehältern von Alten- und Krankenpflegern geschlossen.

Ein zweiter Punkt des Maßnahmenpakets sieht vor, dass vermehrt Pflegekräfte aus dem Ausland rekrutiert werden. Dafür soll u. a. die Anerkennung von ausländischen Berufsabschlüssen vereinfacht und beschleunigt werden. Auch über Pflege-Visa für ausländische Fachkräfte denkt die Bundesregierung derzeit laut nach. Dass hier Handlungsbedarf besteht, steht außer Frage: Allein im Jahr 2018 blieben in Deutschland rund 40.000 Arbeitsplätze in der Pflege unbesetzt. Aktuell kommen auf 100 offene Pflegestellen gerade einmal 26 arbeitssuchende Fachkräfte. Da sich diese Lücke nicht nur durch ausländische Altenpfleger schließen lässt, möchten die Minister die Aus- und Weiterbildung im Bereich Pflege in Deutschland vorantreiben. Dafür ist vorgesehen, dass

  • neue Weiterbildungsplätze geschaffen werden,
  • die Kosten für eine Pflegeausbildung eingedämmt werden und
  • Azubis der Branche flächendeckend eine Vergütung erhalten.

Das erklärte Ziel: Bis zum Jahr 2023 soll die Zahl der Pflege-Azubis um 10% steigen.

Um den akuten Fachkräftemangel zu bekämpfen, soll die Pflegeausbildung zudem moderner werden. Außerdem wollen Spahn, Heil und Giffey Pflegehelfer zu Fachkräften qualifizieren und dafür 5.000 Umschulungsplätze bereitstellen. Das dafür implementierte Qualifizierungschancengesetz sieht Lohnkostenzuschüsse für Arbeitgeber vor, die ihre Angestellten für Fort- und Weiterbildungen freistellen. Günstig ist die Pflegeoffensive definitiv nicht: Insgesamt wird mit Kosten von bis zu fünf Milliarden Euro gerechnet. Doch um Menschen auch in Zukunft eine sichere Pflege zu bieten, die sie finanziell nicht überfordert, sollte jedes politische Mittel recht sein.

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