Tiefkühl-Transparenz: das gesetzliche Tierwohl-Siegel

Mehr Transparenz im Supermarkt – das versprechen Etiketten, die seit kurzer Zeit auf Frischfleisch-Verpackungen kleben. Verbraucher sollen so erkennen, ob das gekaufte Fleisch aus artgerechter Haltung kommt oder aus einem Massenbetrieb. Unterschiedliche Labels führten bislang aber noch nicht zum echten Durchblick. Deshalb plant Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) ab dem Jahr 2020 eine staatliche und einheitliche Lösung. Etikettenschwindel oder hilfreiche Verbraucherinformation?

Lidl als Vorreiter bei der Fleischkennzeichnung

Bio ist in! Alleine im Jahr 2017 setzte der Handel Bioprodukte im Wert von über 10 Milliarden Euro um. Auch beim Fleischkauf achten Verbraucher zunehmend darauf, ob das gekaufte Produkt die viel zitierte Bio-Qualität hat. Aus diesem Grund führte das Unternehmen Lidl bereits Anfang 2018 einen Haltungskompass ein. Die vierstufige Kennzeichnung unterscheidet zwischen normaler Stallhaltung (1), Stallhaltung plus (2) mit mehr Platz für jedes Tier, Außenklima (3) mit Freilaufmöglichkeiten und Bio (4). Verbraucher können so entscheiden, ob sie bevorzugt günstig einkaufen oder bereit sind, für mehr oder weniger artgerechte Tierhaltung einen höheren Preis für Schnitzel, Hackfleisch und Co. zu bezahlen.

Da auch viele Handelsketten das Umdenken der Verbraucher bemerken, verpflichtet sich Lidl ab 2019 dazu, 50 Prozent seiner Frischfleischprodukte auf Stallhaltung plus umzustellen. Fleisch aus Massenzuchtbetrieben will der Discounter hingegen weniger vertreiben.

Das Kennzeichnungsmodell machte schnell Schule: Nach Lidl wurde es im Jahr 2018 von Kaufland, Penny und Netto übernommen. Im Herbst 2018 zogen Aldi Nord und Aldi Süd nach. Auch Rewe übernahm das Modell und schloss sich dazu dem Branchenbündnis Initiative Tierwohl an.

Einheitliche Kennzeichnung ab April 2019

Da verschiedene Etikettendesigns den Verbraucher eher verwirren als informieren könnten, kündigten die genannten Supermarktketten an, ab April 2019 ein einheitliches Tierwohl-Siegel einzuführen. Die Kennzeichnung in vier Stufen bleibt hier erhalten. Neu ist hingegen, dass Fleisch der Stufe vier nun nicht mehr mit dem Attribut Bio, sondern als Premium-Produkt gelabelt wird. Der Grund: Laut dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat Biofleisch bestimmte Kriterien zu erfüllen. So müssen Schweine, Rinder und Geflügel aus Biohaltung beispielsweise auch mit Biofutter versorgt werden, das zumindest anteilig aus dem eigenen Betrieb kommt. „Premium“ ist also nicht zwingend „Bio“, denn echtes Biofleisch muss die Vorgaben der EG-Öko-Verordnung einhalten. Dieses wird in Deutschland wiederum mit unterschiedlichen Etiketten kenntlich gemacht – entweder dem europäischen Bio-Siegel oder dem staatlichen Bio-Siegel, das in Deutschland bereits im Jahre 2001 eingeführt wurde.

Gesetzliches Tierwohl-Label kommt wohl 2020/2021

Obwohl neun große Supermarktketten nun ein einheitliches Tierwohl-Etikett einführen, plant der Gesetzgeber für das Jahr 2020/2021 den Start eines eigenen staatlichen Labels. Dieses soll nicht mehr vier, sondern lediglich drei Qualitätsstufen beim Fleisch unterscheiden, wobei aber schon die erste Stufe gesetzliche Mindeststandards überbietet. So wird das Label nur vergeben, wenn

  • der Erzeuger auf die betäubungslose Kastration von Ferkeln verzichtet,
  • die Fahrtdauer des Tiertransports nicht über acht Stunden liegt,
  • bestimmte Kriterien bei Stallgröße, Futter und Haltungssystem eingehalten werden.

Das geplante gesetzliche Siegel solle nicht in Konkurrenz zum Label der Brancheninitiative Tierwohl stehen, heißt es auf der Webseite des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Vielmehr stellen die bisherigen Arbeiten eine „gute Ausgangsbasis“ dar, von der die staatliche Tierwohl-Kennzeichnung profitieren könne.

Tierschützer kritisieren Pläne des Ministeriums

Befürworter der artgerechten Tierhaltung rügen das geplante staatliche Siegel vor allem deswegen, weil es keine Verpflichtung darstellt. Ein weiterer Kritikpunkt: Das Umsetzen der staatlichen Vorgaben könnte Fleisch um bis zu 20 Prozent verteuern. Auf der anderen Seite fordert die Wirtschaft staatliche Subventionen, um Betriebe für die Einhaltung der Gesetzgeber-Vorstellungen umzurüsten. Schlussendlich wird bemängelt, dass das gesetzliche Tierhaltungssiegel zunächst nur auf Schweinefleisch-Verpackungen zu finden sein wird. Hühner- und Rindfleisch bleibt erst einmal außen vor.

Landwirtschaftsministerin Klöckner verteidigt ihre Pläne und nennt das staatliche Tierwohl-Kennzeichen „klar, wahr und verlässlich“. Sie strebt Rahmenbedingungen an, die „so attraktiv“ seien, dass „viele Landwirte mitmachen“. Über Wohl und Wehe sämtlicher Tierwohl-Siegel wird aber schlussendlich der Verbraucher entscheiden. Nur, wenn dieser bereit ist, für mehr Tierwohl in Schlachtbetrieben mehr Geld für Fleisch zu bezahlen, kann sich das System langfristig ändern – hin zu weniger Tierquälerei und mehr artgerechter Haltung.