Deutschland pendelt – aber ist das der richtige Weg?

Die Zahl der Beschäftigten, die dort arbeiten, wo sie leben, sinkt stetig – für die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer gehört das Pendeln zum Alltag. Besonders in Ballungszentren und in weniger dicht besiedelten Gebieten sind weite Anfahrten die Regel. Wir haben für Sie Zahlen und Fakten über Berufspendler zusammengestellt. Erfahren Sie hier, wie sich die weite räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten auf Einkommen und Umwelt auswirkt.

Berufspendler – Fakten in der Übersicht

Die Zahl der Pendler wächst permanent: 59,4% der Beschäftigten arbeiteten im Jahr 2018 nicht in der Gemeinde, in der sie lebten, so das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung. Das bedeutet, dass 18,4 Millionen Menschen als Berufspendler gelten – 2% mehr als drei Jahre zuvor, und die Tendenz ist weiter steigend.

  • Im Schnitt legt jeder Pendler 16,91 Kilometer pro Strecke zurück. Das sind fast drei Kilometer mehr als im Jahr 1999.
  • Die Zahl der Fernpendler, die mehr als 150 Kilometer für den einfachen Arbeitsweg zurücklegen, ist von rund einer Million zur Jahrtausendwende auf 1,3 Millionen gewachsen.
  • In Metropolen wie Düsseldorf, Frankfurt am Main oder Stuttgart wohnen zwei Drittel der Arbeitnehmer außerhalb.
  • München muss die meisten Pendler bewältigen: Hier leben 355.000 Beschäftigte im Umland, seit Beginn des Jahrtausends stieg deren Zahl um 21%.
  • In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Sachsen-Anhalt legen Berufspendler im Durchschnitt rund 30 Kilometer zurück, um die Arbeitsstätte zu erreichen.

Für viele Pendler geht es hinter’s Steuer

Die meisten Pendler setzen auf den eigenen Pkw, um die Strecke zwischen Wohnort und Arbeitsplatz zu überwinden.

  • Für Strecken zwischen 10 und 25 Kilometern Länge steigen 82,2% der Berufspendler ins Auto.
  • Bei Arbeitswegen zwischen 25 und 50 Kilometern sind es 84,3%.
  • Der ADAC hat berechnet, dass in jedem Pendlerauto im Durchschnitt 1,18 Personen sitzen. Fahrgemeinschaften sind also eher selten.

Viele Pendler haben keine Wahl

Die meisten neuen Arbeitsplätze entstehen heute in den Metropolen. Doch die Einwohner der Städte reichen oft nicht aus, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Zugleich verhindert der angespannte Wohnungsmarkt, dass Menschen eine Wohnung in der Nähe ihres Arbeitsplatzes beziehen können. In München ist dieser Effekt gut sichtbar: Für Geringverdiener bleibt eine Wohnung in der Stadt ein Traum, auch Angestellte mit Durchschnittseinkommen werden nur mit Glück fündig. Zudem sind im Umland bessere Wohnlagen günstiger zu haben. Die entstehenden Entfernungen sind für Pendler kaum zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen. Der ÖPNV ist vergleichsweise teuer und stellt keine Alternative dar, weil für das Leben im Außenbereich sowieso ein Pkw angeschafft und unterhalten werden muss. Zudem wirken überfüllte Züge, die oft mit Verspätung oder gar nicht kommen, wenig attraktiv.

Der Staat bevorzugt Pendler mit Auto und Besserverdiener

Um die finanziellen Belastungen für Berufspendler zu mildern, gewährt der Staat die Pendlerpauschale. Pro gefahrenem Kilometer zwischen Wohnung und Arbeitsplatz dürfen Arbeitnehmer 30 Cent steuerlich geltend machen. Angesetzt wird jeweils der Hinweg. Wer zehn Kilometer von seiner Arbeitsstätte enfernt wohnt, mindert seine Einkommensteuer um drei Euro pro Arbeitstag.
Wie Sie den Arbeitsweg bewältigen, hat erst einmal keinen Einfluss auf die Pauschale für Pendler. Es gelten 30 Cent pro Kilometer – unabhängig davon, ob Sie zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren, den ÖPNV nutzen oder sich ins Auto setzen. Allerdings privilegiert der Staat die Berufspendler mit Auto: Während für alle anderen Pendler, auch Motorradfahrer, eine Höchstsumme von 4.500 Euro pro Jahr gilt, können Autofahrer die Pendlerpauschale unbegrenzt nutzen. Geringverdiener stehen bei langen Pendelstrecken vor dem Problem, dass die Pauschale schnell höher ausfällt als die Steuerlast. Sie profitieren daher weniger als Menschen mit mittleren und hohen Einkommen.

Tipp

Möchten Sie herausfinden, was sich für Sie eher lohnt: die höhere Miete bzw. ein höherer Immobilienkaufpreis in der Stadt oder das Pendeln? Mit der Formel 220 Tage x Entfernung Wohnort – Arbeitsplatz x 0,30 Euro berechnen Sie die Pendlerpauschale überschlägig.

Beim Pendeln bleibt die Umwelt oft auf der Strecke

Die Wissenschaft ist davon überzeugt, dass der starke CO2-Ausstoß der Industrienationen der Verursacher der Klimaerwärmung ist. Pendler tragen in einem hohen Maße zu diesem bei. Laut Berechnungen des Westdeuschen Rundfunks legen Berufspendler im dicht besiedelten Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 20 Kilometer auf dem Weg zur Arbeit zurück. Bei einem typischen zehn Jahre alten Auto mit Ottomotor bedeutet das eine jährliche CO2-Emission von 1,5 Tonnen. Angesichts dieser Zahlen wird klar, dass es ein wenig widersprüchlich ist, ins Grüne zu ziehen, den Wohnort aber nur mit großen Belastungen für die Umwelt zu erreichen.

Mobilität muss neu gedacht werden

Nicht allein der Umwelt zuliebe benötigen wir neue Strategien, um die alltäglichen Wege zu bewältigen. Bereits auf den Routen in die Metropolen kollabiert der Verkehr zunehmend, innerhalb der Städte fehlt der nötige Parkraum. Die Politik ist deshalb gefragt: Attraktiver und bezahlbarer Wohnraum in den Ballungszentren muss bereitstellt werden, parallel dazu holt ein Ausbau des ÖPNV die Menschen ab, die weiter außerhalb leben. Außerdem kann sie Unternehmensansiedlungen dort fördern, wo potenzielle Arbeitskräfte leben.

Sie möchten selbst etwas ändern oder einfach eine Alternative zu Ihrer bisherigen Strecke ausprobieren? Dann fragen Sie unter Ihren Kollegen doch einmal, ob sich eine Fahrgemeinschaft gründen lässt, oder suchen Sie sich Nachbarn, die eine ähnliche Route haben. Auch spezielle Pendlerportale bieten die Möglichkeit, Pendler mit dem gleichen Arbeitsweg zusammenzubringen und so Fahrgemeinschaften zu bilden. Oder aber Sie kombinieren verschiedene Verkehrsmittel miteinander und fahren z. B. mit dem Auto zum Zug und am Zielort mit dem Fahrrad oder dem E-Roller zum Ziel.

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